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Ihr Lieben, sicher kann mir jeder von euch wie aus der Pistole geschossen sagen, was 1+1 ist. Klar, blöde Frage, gell? Das ist natürlich 2 – das weiss doch jeder.

Ausser ich.

 

1+1

Das Ergebnis von 1+1 wird uns schon von kleinauf beigebracht: Erst durch die Eltern, die Tanten und Onkels und die grossen Geschwister, später durch die Lehrerin. Ich glaube, ich habe sie alle in die Verzweiflung getrieben, denn ich liess mich einfach nicht überzeugen. Warum sollte das immer so sein? Warum sollte 1+1 nicht auch einmal 3 geben?

Viele Kinder empfinden so. Sie wollen für verschiedene Möglichkeiten offenbleiben und weigern sich zunächst, sich auf eine einzige Lösung festlegen zu lassen. Doch sie wollen auch geliebt werden. Und wenn sie nur oft genug geschimpft werden, weil sie schon wieder die „falsche“ Antwort gegeben haben, geben sie auf. Ein winziges Splitterchen ihrer Persönlichkeit tritt zurück und beugt sich der akzeptierten Meinung. Ab jetzt denken sie nicht mehr über die Lösung nach, sondern verinnerlichen: „2 ist die richtige Antwort.“

Leider ist das nur der Anfang …

 

2 heisst Energie sparen

Auf diese Weise lernen wir für fast jede Situation, was wir für richtig und was für falsch zu halten haben. Wir werden in ein Netz von Vorgaben eingewickelt. Mit dem Essen spielt man nicht. Rot mit pink? Das trägt man nicht. Autoritäten widerspricht man nicht.

Und wie bei der Rechenaufgabe hören wir auf, selbst zu überlegen, was die Lösung sein könnte. Wir müssen nicht mehr genau hinsehen und nicht mehr denken, wir müssen nur noch die gelernte Bewertung abrufen. Schublade auf, Bewertung raus, Ziel erfüllt, Schublade zu!

Unser Gehirn findet das prima, denn dann kann es Energie sparen. Darauf ist es seit Urzeiten ausgelegt: Schliesslich muss noch genug Energie für den Notfall bereit stehen. Es könnte ja jederzeit ein Säbelzahntiger um die Ecke kommen.

Et voilà, wir fallen zurück in die Steinzeit und schalten auf Überlebensmodus. Denn wer weiss, wann es wieder etwas zu essen gibt. Also greifen wir gerne auf die automatischen Antworten zurück. Wahrnehmen und selbst nachdenken ist nämlich anstrengend.

Blöd nur, dass wir dabei das Wichtigste verpassen.

 

Die Macht der ungeputzten Schuhe

Wenn ich Menschen begegne, tue ich das ganz phänomenologisch: Das heisst, ich versuche wie ein Wissenschaftler ganz und gar wertfrei einfach nur wahrzunehmen, um zu erkennen. Ich versuche also ganz bewusst, mich nicht in einem Netz von Wertungen, verordneten Sichtweisen und Vorurteile zu verwickeln. Wenn ich zum Beispiel mit einem Unternehmer darüber spreche, ob der Zweck der Existenz seines Unternehmens ihn noch stärkt, ist es ganz wichtig, dass ich einfach nur wahrnehme. Ich beurteile nicht, ich lasse die Situation einfach mit allen Sinnen auf mich wirken. Und dabei registriere ich vieles, was anderen oft verborgen bleibt.

Wenn ihr euch nämlich nicht ganz bewusst darauf konzentriert, alle eure konditionierten Wertungen beiseite zu lassen, seht ihr nur das Urteil und eine der vielen Wirklichkeiten. Und die sind bekanntlich weit entfernt von der Wahrheit. Ihr wisst ja: Die Macht der first impression – in genau drei Sekunden geht die Schublade auf und der Mensch landet da drinnen. Ungeputzte Schuhe? Hemdfarbe passt nicht zur Krawatte? Kommt gerade vom Rauchen? You name it. Alles wird interpretiert, nochmal interpretiert und nochmal. Und schwuups, Stempel drauf!

Den jede Wirklichkeit ist nur eine Interpretation der Interpretation, und subjektiv gesehen hat auch immer jeder recht. Denn jeder hat seine eigens kreierte Wirklichkeit, und die hält sie / er selbstverständlich für wahr.

Und das passiert nicht nur den anderen gegenüber …

 

Persönlichkeitsentwicklung reloaded

Mit jeder wirksamen Konditionierung tritt ein Stückchen unsere eigene Persönlichkeit zurück. Wir verstricken uns immer tiefer und tiefer in die Netze der Wertungen. Bis wir irgendwann nicht mehr herauskommen.

Das klingt nicht nur dramatisch, das ist es auch. Eure freie Entfaltung ist euch flöten gegangen. Aber ihr könnt etwas dagegen tun. Der erste und wirksamste Schritt, mit der ihr eure Persönlichkeit (wieder) ent-wickelt, ist, euch darauf zu konzentrieren, eure Welt ganzheitlich und frei von Wertung wahrzunehmen. Ihr könnt es Persönlichkeitsent-Wicklung reloaded nennen, denn eure Persönlichkeit ist ja da. Sie ist nur in diesen ganzen Verwicklungen versteckt.

Am Anfang werdet ihr euch noch häufig erwischen, dass ihr wertet statt einfach wirken zu lassen, dass ihr euch auf einen Aspekt fokussiert statt alles zu erfassen. Aber ihr werdet immer besser werden darin, die Menschen um euch herum und auch euch selbst wahrzunehmen, wie sie, wie ihr seid. Dann kommt ihr ganz zu euch. Bienvenue in eurer wunderschönen, wertfreien Persönlichkeitswelt.

1+1 kann eben auch 3 ergeben ☺ In diesem Sinne wünsche ich euch ganz viel Freude bei dieser Ent-Wicklung!

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