blog

Meine letzte Inselzeit verbrachte ich auf Madeira. Eine wunderschöne, idyllische Insel, Inspiration pur – bis ein Ereignis im Außen alles änderte: Das tragische Busunglück, bei dem viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Natürlich war das ein Schock für alle, vor allem für die Menschen vor Ort, die direkt oder indirekt von der Situation betroffen waren. Care-Teams, Hotelangestellte, die Überlebenden des Unglücks. Sie reagierten auf sehr unterschiedliche Weise auf diese Krisensituation – und das fand ich sehr spannend wahrzunehmen. Ich war erstaunt, wie die Schicksale vor Ort verarbeitet wurden. Wie jeder seinen eigenen Weg hatte, damit umzugehen. 

Und ich habe mich gefragt: Was macht so eine Krisensituation mit den Menschen? 

 

Das Reptilienhirn übernimmt

In einer Krisensituation werdet ihr unter anderem auf die Urinstinkte zurückgeworfen. Das heißt, ihr reagiert nach Mustern, die schon seit Ewigkeiten in der menschlichen DNA verankert sind. 

Ihr könntet auch sagen: Das Reptilienhirn übernimmt. Und das kann nur drei Dinge: „Fight, Flight or Freeze“.

Viele Menschen werden in einer Krise auf die Urängste zurückgeworfen. Denn hier geht es ja um Leben und Tod. Sie sind dann wie paralysiert, können einfachste Aufgaben nicht mehr bewältigen. Sie sind im „Freeze“-Zustand, umgangssprachlich „starr vor Schreck“ und damit handlungsunfähig. Das habe ich auch in Madeira so wahrgenommen.

Im Rezeptionsbereich der Anlage habe ich Urlauber getroffen, die ständig weinten und wegschauten. Einige Urlauber mussten sofort in andere Hotels gebracht werden, da sie die Umgebung nicht ertragen konnten. Obwohl sie mit dem Unglück direkt gar nichts zu tun hatten.

Als ich mit dem Hotelpersonal sprach, wurde mir klar, dass bei ihnen Existenzängste der ganz anderen Art vorherrschten: Sie fürchteten, ihren Job zu verlieren, weil im nächsten Jahr vielleicht weniger Touristen nach Madeira kommen würden.

 

Helfen durch hinschauen

Ich bin niemand, der in einer Krisensituation schnell schockiert ist, ich bleibe dann sehr klar, nehme wahr, prüfe, was das stärkende Element ist, und interagiere mit den Menschen. Ich finde diese Begegnungen sehr wichtig und berührend, für beide Seiten. Es reicht manchmal, anderen in die Augen zu schauen, um eine Verbindung aufzubauen und eine Begegnung von Herz zu Herz zu spüren. Zum Beispiel mit den Hinterbliebenen. Das sind sehr wertvolle Erfahrungen, aber auch eine wertvolle Hilfe, die die Care-Teams leisten. Eine Art der Hilfe, die durch Gelassenheit und Präsenz bestärkt, durch hinschauen, was gebraucht wird, nicht durch wegschauen. 

Doch es gibt auch eine andere Variante des Hinschauens, die in einer Krise nicht besonders hilfreich ist.

 

Mitgefühl oder Mitleid?

Sicherlich habt ihr solche Menschen auch schon erlebt, die ihr eigenes Schicksal, ihre eigene Situation in die Trauer anderer hineinprojizieren und die Situation übergriffig nutzen. 

Ich finde das frech! Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie schnell Leute das Leid von anderen für sich beanspruchen. Das ist nicht besonders respektvoll, denn es bringt den anderen um seine Würde, weil man ihn nicht mehr als Subjekt wahrnimmt, sondern als Objekt benutzt. Oft handeln die Menschen unbewusst so und bemerken es nicht einmal. Sie denken es ist wichtig, im Leid anderer aufzugehen und meinen, sie seien voller Mitgefühl. Doch beim „Mitleid“ geschieht Folgendes: Der Fokus liegt auf sich selber, nicht auf dem Gegenüber. Das heißt, du schwächst die anderen mit deinem Mitleid. 

Wenn du ihnen jedoch mit Empathie begegnest, in die Augen blickst und mitfühlst, dann liegt der Fokus auf deinem Gegenüber. Darüber kannst du herausfinden, wie du diesen Menschen stärken und ihm wirklich helfen kannst. Und das ist und bleibt meine Strategie. Das wurde mir in Madeira einmal mehr wieder richtig bewusst. 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.