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„Heute ist ein absoluter Scheisstag!“ 

 

Manchmal tut es mir einfach gut, diesen Satz auszusprechen. Doch die meisten Menschen wollen so etwas nicht hören. Der EU-Jugendbotschafter Ali Mahlodji bringt es auf den Punkt: Alle schreiben immer nur ihre Erfolgsstory. Die Wenigsten erzählen, wie schwierig dieser Weg zum Teil war. Durch wieviel Scheisse sie durchgewatet sind.

 

Auch im Social-Media Bereich gilt der als hip, bei dem immerzu die Sonne scheint. Der das am schönsten dekorierte Wohnzimmer, das beste Leben und die liebsten Kinder hat. Lieber machen wir aus Scheisse Bonbons, anstatt etwas Negatives zu posten. Denn das gängige Idealbild unserer Zeit ist: Wir müssen perfekt sein und alles im Griff haben. 

Puh, da wird mir ganz anders. Und wisst ihr, warum? 

 

Schönreden hilft nicht

 

Zwanghaftes, aufgesetztes und verkrampftes positiv Denken kann krank machen. Das sagte bereits Dr. Günter Scheich 1998: „Positiv-Denker behaupten, Denken und Geist seien alles. Die Seele ist jedoch ein sehr komplexes Gebilde, das Denken nur eine Nussschale auf unserer Seele. Denken unterliegt einer Reihe von Bedingungen. Ein Mensch kann sich nicht einfach sagen: ‚Ich denke jetzt etwas herbei‘, wenn es seine Psyche nicht zulässt.“.

 

Will heissen, wenn die Waage 20 Kilo mehr zeigt, als ich wiegen will, aber das Post-It am Spiegel redet mir ein „Du bist schön schlank“, dann ist das, mit Verlaub gesagt, glasklarer „Bullshit“. Denn in Wirklichkeit stehe ich total verzweifelt vor dem Spiegel und fühle mich alles andere als schön schlank.

 

Das funktioniert also nicht, der Schuss geht nach hinten los. Die Schönrederei hilft mir in diesem Fall überhaupt nicht weiter. 

Das Wort „Scheisse“ in den Mund zu nehmen oder sich so zu fühlen ist nicht erlaubt. Und dabei möchten wir es manchmal so gerne. Weil es befreiend wirkt. Privat oder im Unternehmen. Denn eine Menge Dinge sind tatsächlich: Einfach nur scheisse. Jetzt gerade zumindest. 

 

„Ich hab 5 Kilo zugenommen!“ „Ich kann die ausstehenden Rechnungen nicht bezahlen.“ „Ein grosser Kunde reklamiert!“ 

Was sollen wir da denn Bitteschön anderes sagen als: „Scheisse!“

Doch wehe, du sprichst das aus! Dann kommen schon gleich die „Retter“ um die Ecke. Die wollen eigentlich gar nicht hören, dass es dir nicht gut geht. Sie reden dagegen, wollen dich aufmuntern oder noch schlimmer, kommen gleich mit Lösungen um die Ecke. Sehr beliebt sind auch die üblichen frommen Sprüchen wie: „Den Glücklichen gehört die Welt“ oder „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Das ist aber weder hilfreich noch ermutigend – im Gegenteil!

 

Auf Regen folgt Regen

 

Das ist einfach nur Klugscheisserei. Denn manchmal wollen wir keine Lösung hören, sondern uns einfach nur mal gepflegt aussprechen. In unseren Scheissgefühlen ernst genommen werden. Und das ist okay. Es ist wichtig, dass du dir das selbst erlaubst – und anderen. Nicht immer ist alles nur Sonnenschein

 

Gerade für junge Leute ist es oft ein Problem, dass sie ihren Frust nicht artikulieren können. Das erfahre ich, weil ich als Mentorin ganz nah an ihnen dran bin. Wenn sie sagen, etwas ist scheisse, wird es ihnen gleich als Null-Bock-Mentalität ausgelegt. 

 

Doch bei den meisten jungen Leuten ist es nicht so, dass sie keinen Bock haben. Im Gegenteil: Sie denken, sie wären nicht gut genug für die Eltern, die Schule und die Gesellschaft. Weil deren Erwartungshaltung so groß ist. Und sie dadurch einen ungemeinen Druck ausüben. Was natürlich Angst auslöst: Die Angst, in der Leistungsgesellschaft durchzufallen, weil sie nicht die geforderten Qualifikationen haben oder im Bewerbungsformular nicht an der richtigen Stelle ihr Kreuz machen. Und das ist gefährlich.

 

Auf zum Entschlacken

 

Wenn ihr eure negativen Gefühle immer wieder wegdrückt, dann stauen sie sich auf. Und machen euch krank. Wenn ihr alles in euch hineinfresst, dann kann das zu Depressionen führen. Dann ist kein Platz mehr für die positiven Gedanken. Warum also die ganze Scheisse nicht einfach mal rauslassen? Das ist wie bei einer Darmspülung: Es entschlackt und schafft Platz für neue, freudvolle Gefühle. Denn schon in dem Moment, in dem ihr anfangt, über euren Frust zu sprechen, fangt ihr an, ihn zu verarbeiten. Aber so richtig!

 

Raus aus dem Kopfkino

 

Wenn etwas schief gelaufen ist, braucht ihr oft einfach nur einen Raum, damit ihr betrachten könnt, was da ist. Und zwar ohne Wertung. Wenn ihr euch einfach nur die Situation anschaut, eurem Scheisstag oder Moment etwas Raum gebt und das Gefühl ernst nehmt, ist schon ein grosser Schritt getan.

 

Dann ist der Augenblick, in dem ihr die Situation mit Humor betrachtet, quasi nur noch ein paar tiefe Atemzüge entfernt.

Und mit dem Humor kommt meist auch die Entspannung – und schwuups, ist das nervige Kopfkino aus dem Rennen.

Ich habe ein ganz eigenes Konzept entwickelt: Wenn mir jemand erzählt, dass er so richtig angekackt ist, will ich mehr Details über die Scheisse erfahren.

 

Das ist für den anderen wertfrei und lädt dazu ein, etwas Distanz zu der Situation bekommen. Wozu? Ganz einfach, aus der Distanz sieht man mehr. 

 

Und es ermöglicht ihm einen „Out of the box“-Blick auf seine Situation. Er kommt so in eine andere Energie. Das ist auch der Dreh- und Angelpunkt: Nicht in der negativen Energie zu bleiben. Sondern selbst aktiv zu werden. 

 

Also: Nicht einfach schönreden, sondern beim Namen nennen. Scheisse ist und bleibt scheisse. Aber ihr müsst trotzdem aktiv werden!

Ich finde in diesem Zusammenhang Role-Models wichtig, bei denen manches im Leben anders als geplant lief, die sich aber davon nicht haben beirren lassen. Trotz allem stehen sie da, wo sie heute stehen. 

 

Und ich finde es erfrischend, wenn zum Beispiel ein Topmodel postet: „Heute sehe ich einfach super aus. Aber das hat mich über fünf Stunden harte Arbeit gekostet. Und es gibt auch Tage, an denen diese fünf Stunden nicht ausreichen.“ Einfach ehrlich, sympathisch und beileibe nicht perfekt – wie wir alle.

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