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Die Städte sind in Rot und Gold gehüllt, aus dem Meer von roten Laternen schauen ein paar Drachen hervor, überall lärmen die Gassen. Die Straßen sind voll von vergnügten, feiernden Menschen und ein paar farbenfrohe Löwen führen ihre Tänze auf – wisst ihr schon, wovon ich rede?
Genau, mit diesen Ritualen wurde am Dienstag in Ostasien wieder ein neues Jahr begrüßt! Das Jahr des Erde-Schweins.
Auch bei uns ist es noch nicht allzu lange her, dass wir ein neues Jahr eingeläutet haben. Und auch bei uns gab es einiges an Lärm, Menschen, die zusammen feierten, und lautes, buntes Feuerwerk. Ein Ritual, das sich jährlich wiederholt. Rituale tauchen aber oft genug ebenso in unserem täglichen Leben auf – auch, wenn ihr euch dessen gar nicht so bewusst seid.

 

Keine dunkle Magie

Kaffee trinken und Zeitung lesen am Morgen, mit der Familie regelmäßig zu Mittag essen oder vor dem Zubettgehen ein Buch lesen: All das sind Rituale. Und sie sind wertvoll.

Das Wort „Ritual“ ist allerdings nicht nur positiv behaftet: Manche von euch denken vielleicht als erstes an Satanismus oder dunkle Magie, andere an altbackene Bräuche und Traditionen. Ersteres verbinden die meisten eher mit Horrorfilmen als dem realen Leben. Und Letzteres hat in unserer modernen und zukunftsorientierten Welt nun wirklich keinen Platz mehr, oder?!
Viele der traditionellen Rituale, die wir heute gemeinschaftlich feiern – wie zum Beispiel Silvester, aber auch Fasnacht, Ostern oder Weihnachten – haben durch ihre Kommerzialisierung einen schalen Beigeschmack bekommen. Unsere Konsumgesellschaft suggeriert uns, dass es an Weihnachten hauptsächlich um Geschenke geht, an Silvester um Sekt und Feuerwerk, an Fasnacht ums Kostümieren – und für all das müssen wir selbstredend Geld ausgeben.
Wenn ich also sage: „Rituale sind wertvoll!“, meine ich dann für die Unternehmer, die aus diesen Ritualen Profit schlagen? Ich kann euch beruhigen, das meine ich natürlich nicht.

 

Innehalten

Ich kann nicht leugnen, dass Unternehmen diese Rituale ausnutzen, um ihre Produkte an den Mann – und die Frau – zu bringen. Trotzdem ist die Verbundenheit mit alten Riten etwas Wertvolles.
Rituale wie Silvester sind immer ein Anstoss innezuhalten. Ein Impuls von außen, der etwas im Inneren auslösen kann. Wenn ihr diesen Impuls zulasst. Denkt mal darüber nach: Würdet ihr einfach so mitten im Jahr ohne besonderen Anlass gute Vorsätze fassen? Oder darüber nachdenken, ob das jetzt genau der Ort ist, wo ihr gerade sein wollt?
Zugegebenermassen fruchten gute Vorsätze nicht immer in Taten oder tatsächlichen Veränderungen. Diese Erfahrung habt ihr sicher auch schon gemacht. Ich kann mir da auch an die eigene Nase fassen, schon gute Vorsätze erdacht zu haben, die ich bis Ende Januar bereits vergessen hatte. Und trotzdem hat mich das Vorsätze nehmen dazu gebracht, mir Gedanken zu machen. Darüber, mit was ich nicht zufrieden bin und was ich noch erreichen möchte. Und das ist viel wert.

 

Gemeinschaftsgefühle

Doch Rituale sind nicht nur für euch als Individuum wertvoll, sondern auch für die Gemeinschaft. So wie beispielsweise am ersten August, dem Schweizer Nationalfeiertag: Seit 2010 haben sich bei uns drei Gemeinden zusammengeschlossen, um an diesem Tag ein gemeinsames Fest zu feiern. Mit allem drum dran, samt einem Bundesrat mit kleiner Rede.
Im letzten Sommer gab es in den meisten Kantonen ein Feuerwerksverbot wegen Brandgefahr. Wir Rorschacher waren die Einzigen, die an diesem Tag die Genehmigung hatten, unser Feuerwerk von einem ausgedienten Frachtschiff vom Wasser aus zu zünden. Da kam abends natürlich jeder mit Kind und Kegel an den See, um sich dieses Spektakel anzusehen – aus verschiedenen Kulturen besammelten sich die Menschen am ganzen Seeufer entlang. Dadurch, dass alle dasselbe erwarteten und genossen, das eindrucksvolle Feuerwerk nämlich, wurde das Zusammensein und die Gemeinschaft erst so richtig inspiriert. Ansonsten wären zwar wohl einige am See gewesen, aber viele auch zu Hause im Garten am Grillieren. Und hätten dann ein paar Raketen abgeschossen, jeder für sich, ohne Gemeinschaftsgefühl.
Damit wir also zusammenfinden, gemeinschaftlich feiern und dieses Gefühl erleben können, braucht es Rituale. Sodass auch jeder zuverlässig weiss, wann und wo was gefeiert wird und wir dafür zusammenkommen können.
Rituale mögen euch veraltet vorkommen und als etwas, das in unserer modernen Welt keinen Platz mehr hat. Ich sage aber: Rituale geben uns Sicherheit, Struktur, einen Anstoss zum Nachdenken und sie bringen Menschen zusammen – und kommen deshalb hoffentlich nie aus der Mode.

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